Time to say goodbye...

Ende juni. nun ist es vorbei, das abenteuer. das auslandsjahr, auf das ich zwei jahre lang gewartet hab, neigt sich dem ende zu. in sofia schien es kein ende nehmen zu wollen, in cape town hatte ich nach 5 monaten eher das gefühl erst vor 2 wochen angekommen zu sein.
andererseits ist so viel passiert. so viel, über das ich nicht gebloggt hab. ich gebe zu, ich habe das bloggen, das in kontakt bleiben total vernachlässigt. was ich jedoch als gutes zeichen ansehe: denn ich hatte offensichtlich nicht die zeit dazu, ganz im gegensatz zu BG...

nun ist die zeit gekommen zu reflektieren. ich werde mich zunächst mit dem nächstgelegenen auseinandersetzen: die letzten 5 monate cape town.....


The Mother City

... denn so wird sie genannt, die westlichste stadt afrikas (ja, ich hab in erdkunde aufgepasst, aber das hier geht eher in richtung ökonomische entwicklung). eine parallele zu berlin, die so ziemlich alles beschreibt, was ich für diese stadt fühle. genauso wie die "mudderstadt" ist cape town wohl zu jenem zuhause geworden, das ich so verzweifelt gesucht habe.
es ist der mix aus offensichtlichem geschichtlichem hintergrund und unglaublichem modernem fortschritt, der mich schon immer fasziniert hat. nicht viele städdte kriegen die balance so perfekt hin wie berlin und cape town.
das, was cape town fehlt, die masse an parks in der city, wird wettgemacht durch das meer in nächster nähe, atlantik wie indischer ozean, und den tafelberg direkt vor der tür - ein anblick, der mich immer noch jedesmal aus den latschen haut, sobald ich aus der tür komme oder mich am campus einfach mal umdrehe. ich bin kein berg-mensch, eher der fürs meer. aber dieser naturtechnisch absolut perfekte mix, dieses gleichgewicht der natur ist es, was cape town ausmacht........

gleichgewicht in jeder hinsicht.... vor allem rassentechnisch. auch, wenn ich immer wieder festgestellt hab, dass die rassentrennung immer noch da ist und man selbst am campus selten gemischte gruppen sieht, so haben mir doch meine trips entlang der garden route, nach namibia und vor allem nach stellenbosch gezeigt, dass es noch viel schlimmer geht. dass es in diesem land tatsächlich noch menschen (weiße) gibt, die der festen überzeugung sind, dass alle andren rassen am liebsten wieder auf den bäumen leben würden - O-ton.
cape town, insbesondere obz aber, hat mir gezeigt, dass dieses land auf dem besten weg ist und dass es halt nur dauert - so wie das kastensystem in indien schwer aus den köpfen der leute zu kriegen ist, sind die greueltaten, aber auch die lehren der apartheid nicht so leicht zu vergessen und es wird wohl noch min. 1 generation dauern, bis südafrikas junge demokratie nicht mehr von den schatten der vergangenheit verfolgt und beeinflusst wird...

ansonsten war dieses semester im allgemeinen wohl viel zu kurz. ich habe jedoch (fast) alles getan, was ich mir vorgenommen hatte und werde keine sekunde vergessen.
eine kurze liste der dinge, die mir auf anhieb einfallen, wenn ich die letzten monate revue passieren lasse:
surfen, das kap der guten hoffnung, die 6h-wanderung den tafelberg hoch und wieder runter, road trip entlang der garden route (inkl. affen streicheln, elefanten aus nächster nähe, safari mir löwen, nashorn, und giraffen und feststellen, dass meine adrenalingrenze eindeutig beim höchsten bungeejump der welt liegt - kopfüber 216m runter? nein danke-), winetasting in stellenbosch (nein, ich vertrag das zeug einfach nicht und mag es noch weniger), symphonieorchester-konzert im botanischen garten mit den eltern, earth hour an der v&a waterfront mit konzert vom philharmonischen orchester cape towns, eine woche namibia mit andy (inkl. delphin-katamaran cruise mit schampus und austern, sandboarding und quadbiking durch die wüste) und ein paar tage jo'burg, wo ich nach 5 jahren endlich pips mal wiedergesehen hab und mir das apartheid museum und die soweto-tour genehmigt habe (historischer overkill), zugfahrt hin und zurück durch ganz südafrika und zu guter letzt hai-tauchen im käfig mit weißem hai 5cm von mir entfernt.

abgesehen von all den reisen und der - für mich ungewöhnlichen - masse an naturerlebnissen hab ich es hier auch geschafft ein normales studentisches leben zu führen. ich werde meine freunde hier nicht vergessen, hab es geschafft mehr zu feiern als die amis (auf lange sicht gesehen), was echt was heißt!, trotzdem meine kurse bestanden (schätze ich) und nebenbei fallen mir spontan drei dinge ein, die wohl mein semester extra-kurrikulär ausmachen:

1. Stones, wo ich SEHR viel zeit damit verbracht habe zu socializen und an meinem billard-können zu feilen.

2. Tanzen!!! der hiphopkurs an der uni hat mich tänzerisch sehr viel weiter gebracht und mein ego insoweit hochgepusht, dass ich weiß, dass ich für ne weiße wirklich ziemlich gut bin; dazu das projekt, dem ich 2 monate lang den großteil meiner zeit geopfert hab: nadias musikvideo. die mädels, mit denen ich choreographiert, getanzt und gedreht hab, waren eine extreme inspiration und haben mir so viel beigebracht, das ich in den letzten 2 jahren verpasst habe. das resultat? ein ziemlich geniales musikvideo, in dem ich zu sehen bin !!! (ja, die dvd hab ich natürlich davon...) :-)

3. township debating league: jede fahrt in das township war die hölle. und jedesmal war ich dankbar, es gemacht zu haben. diesen kids argumentation beizubringen und zu sehen, wie sie trotz mangelndem allgemeinwissens extrem überzeugend argumentieren, aber auch die grds kulturellen unterschiede und die fürchterliche stunde, in der ich den holocaust und den 2.WK innerhalb von 20 minuten erklären musste, haben wir viel beigebracht, in sachen motivierung der kinder, eine gesunde arbeitsatmosphäre in der schule - und auch dankbar zu sein für meine gute schulausbildung.

alles in allem hab ich so unglaublich viel hier erlebt und gesehen, dass es unmöglich ist, all das zusammenzufassen. aber da ein bild mehr sagt als 1000 worte, hab ich nochmal einen schwung fotos bei picasa hochgeladen.....


Lektionen für's Leben, nicht für die Schule...

das letzte jahr wahr wohl mit abstand das intensivste, was lebenserfahrung meinerseits angeht.
angefangen hat es mit sofia, wo ich derart viel zeit mit mir selbst verbracht hab, dass ich sämtliche stadien der depression durchgemacht hab, bis zu dem punkt, wo ich endlich gelernt hab mit langeweile umzugehen und mit mir selbst klarzukommen. um weihnachten rum war ich sogar der festen überzeugung, vollkommen unsozial geworden zu sein und mit meinen mitmenschen nicht mehr umgehen zu können.

die erleichterung kam, als ich in cape town ankam und, ganz im gegensatz zu jener überzeugung, mich in das erlebnis leute kennenzulernen stürzte. nach knapp 4 wochen hatte ich die schnauze gestrichen voll von oberflächlichem smalltalk, dauerfeiern und generell internationalen studenten, insbesondere amerikanern.

jetzt, rückblickend, nach weiteren 4 monaten versuchen unter jenen internationalen studenten wirklich gute freunde zu finden, hab ich aufgegeben. auch, wenn es einige gibt, bei denen ich mir sicher bin, hätten wir nur mehr zeit gehabt, hätten da echt dicke freunde draus werden können, fürs leben. leute wie laura, justin, steffen, henni und andy - menschen, die mir wirklich ans herz gewachsen sind -, genauso wie siya und nadia hätten wohl echt richtige enge freunde werden können, wäre da nicht das kleine zeitproblem und die tatsache, dass wir im endeffekt doch nur int.studenten waren, die bald wieder zuhause sind und in ihr altes leben zurückkehren.

kultur

nichtsdestotrotz, ich hatte richtig spaß. ich habe so viele unterschiedliche leute kennengelernt, mich fürchterlich aufgeregt und irgendwann echt an meiner kulturellen offenheit gezweifelt. europa und europäer sind mir von der mentalität her wirklich sehr nah, hab ich feststellen müssen. und es ist erstaunlich schwer die amis so zu nehmen, wie sie sind, ohne ständig den kopf zu schütteln. aber ich denke, ich habe es irgendwann in den letzten 2 monaten geschafft, dank der diskussionen mit und erklärungen von justin und andy halbwegs hinter diese mentalität zu steigen und das, was ich nicht nachvollziehen kann, hinzunehmen. das, kombiniert mit zunehmender diplomatischer herangehensweise (wo ich früher eiskalt die europäische art als die bessere dargestellt hab, hab ich jetz gelernt derartige gedanken diplomatischer an den mann zu bringen, mit zunehmendem erfolg) hat dazu geführt, dass ich nun akzeptieren, dass man die andere mentalität vielleicht hinnehmen muss und versuchen kann, die gemeinsamkeiten zu genießen.
eine harte lektion, aber nun bin ich vielleicht weniger idealist/kuwi, und bodenständiger, was kulturelle diversität angeht.

ach ja, mit der afrikanischen kultur hatte ich natürlich null probleme und auch keinen kulturschock - is wie die indische. nur fröhlicher. TIA (this is africa).

rassentrennung

cape town does that to you... diversität ist wohl das große stichwort hier. diese ganze rassentrennung geht mir ja so gegen denn strich. und man merkt, dass es wirklich noch ne weile dauern wird, bis die das hier gebacken kriegen.
zeitgleich mit meiner toleranz gegenüber den amerikanern kam jedoch auch die erkenntnis, dass es sehr leicht ist diese rassentrennung zu verurteilen, als westlicher mitbürger.
doch sollten wir uns vielleicht mal an die eigene nase fassen, an die berliner nase vor allem. weil...... auch, wenn wir in dtl. vielleicht nicht nach der rasse gehen (kein wunder bei der geschichte!), so muss man doch sehen, dass die fehlgeschlagene integration der ausländer, insbesondere der türken, so wie die skepsis in der EU gegenüber dem türkei-beitritt auch nicht gerade von ungemeiner toleranz zeugen.

vielleicht ist es menschlich, unterschiede zu sehen und zu akzeptieren. solange es nicht ausartet, natürlich, is klar. was ja nun in südafrika echt der fall ist. aber die generellen vorurteilen gegenüber südafrika und indien in bezug auf segregation, respektive das kastensystem, sollten mit vorsicht genossen werden, solange wir immer noch bestimmte bezirke haben, wo eigentlich nur ausländer leben. zugegeben, wir haben keine slums oder townships. aber das ist aus meiner sicht einfach ne wirtschaftliche frage. die isolation einzelner gruppen innerhalb unserer gesellschaft ist dennoch realität und nicht viel anders als in cape town. nur halt nicht so krass.

apartheid

ja, die apartheid..... das war ja eins meiner hauptanliegen hier, was drüber zu lernen. und ich muss sagen.... vom akademischen standpnkt her hab ich nicht so viel dazu gelernt (wo wir wieder bei der guten schulausbildung wären) - das apartheid-museum in jo'burg ist zwar interessant und ich bin jetz fast experte in sachen mandelas leben, aber so richtig viel neues hab ich nicht erfahren. also lernt man wohl nicht für die schule hier.
viel wichtiger ist aber, was ich gesehen und gehört habe. die townships, die geschichten und erklärungen meiner südafrikanischen freunde und viele viele bilder haben mir einiges darüber beigebracht, was die folgen eines solchen systems sind, das zwar keinen holocaust betrieben hat, dafür aber die rassentrennung über 3 jahrzehnte hinweg durchgezogen hat.....

uni und sprachen

akademisch hat mir das letzte jahr zwar im hinblick auf die dt. rechtsordnung null gebracht (eher -50%, weil ich die hälfte DER DETAILS vergessen hab), aber dafür in sachen rechtheorie (nicht, dass es mich interessieren würde, aber is nützlicher als rechtsgeschichte) und internationalem recht und rechtsvergleich schon.
rechtsvergleich musste ich in BG betreiben und habe es in CPT indirekt durch diskussionen mit amis und südafrikanern betrieben. und festgestellt, dass das dt. system, insbesondere im öff.recht, wirklich gut durchdacht ist, vor allem im vergleich mit den USA, wo mir nach längerer unterhaltung mit andy vor lauter Demokratiedefizit-gedanken regelrecht schlecht wurde.
im internationalen recht habe ich vor allem in südafrika große fortschritte machen können, durch einen hervorragenden kanadischen prof und die südfrikanische herangehensweise des fallrechts, was in dtl, zumindest im grundkurs, voll untern tisch fällt.
sprich, daumen hoch akademisch, ich hab viel gechillt und spaß gehabt, jetz geht leider der ernst des lebens wieder los, auf in den nächsten abschnitt meines lebens, der mit dem 1. staatsexamen enden wird.

sprachlich...... ja, bulgarisch geht so, zumindest hab ich jetz die grammatikalische grundlage zu meinem gebrabbel. afrikaans war überwitzig, aber wieviel ich in nem anfängerkurs gelernt hab, wird sich zeigen, wenn ich das nächste mal in den niederlanden bin...
andere afrikanische sprachen waren leider nicht drin, weil ich nur zeit für eine hatte und dann lieber was nehmen wollte, was meiner sprachfamilie nahe ist, sodass ich in nem halben jahr auch möglichst viel bei rausholen kann.... im nachhinein wärs wohl schon cool, n bissel Xhosa zu können (spricht sich übrigens "Kosa" mit klick aufm K, lol... die klicks gehen jetz), oder zulu oder swahili... die letzteren beiden wurden leider nicht angeboten...

englisch war ja nun mein hauptanliegen. und hat sich ausgezahlt. ich hab nun ein level erreicht, wo nur noch amis und kanadier hören können, dass ich nicht vom nordamerikanischen kontinent komme. und was die qualität angeht, hab ich mir nun eingestehen müssen, dass es wohl nicht mehr besser werden wird. ich hab viele vokabeln gelernt und durch MUNs kann ich mich intellektuell und juristisch ausdrücken, amerik. umgangssprache läuft auch und ich verstehe endlich britisch, australisch und afrikanische akzente.
also, nochmal daumen hoch, voller erfolg, jetz gehts zurück ans französische, das hat total gelitten, und ans deutsche, das nämlich auch.

Fazit

ein traum ist wahr geworden. es war, wie ich es mir erträumt hatte und besser.
zurückkommen ist hart, mit jedem auslandsaufenthalt wirds schlimmer. auch, wenn ich mich zum ersten mal wirklich freue, wieder da zu sein und berlin unsicher zu machen. mal sehen, wie lang es anhält. ich schätze, in nem halben jahr fang ich wieder an zu nerven...

fazit vom fazit:
es hat mir gut getan und ich hab mir selbst bewiesen, dass ich definitiv auch allein im ausland klarkomme. trotz gaskrise (danke nochmal, putin, du penner!).
südafrika werde ich definitiv besuchen, mir fehlen da im süden noch n paar sachen, so Botswana, Zambia (viktoria falls!), mozambique, etc... ich hab blut geleckt, afrika is genial!!!
und sogar meine abneigung gegen nen besuch der USA hab ich abgelegt, jetz hab ich ja freunde da, die ich besuchen kann... vielleicht wird für den sommer nachm staatsexamen mal n road trip ost-west angesetzt. mal sehen.......

sprich, es war toll, ich bin wieder da und damit is mein blog hiermit beendet, denn das auslandsjahr ist, nach einem jetzt noch folgenden reise/MUN sommer im oktober beendet....................


ps: meine handetasche war übrigens sehr lebendig und hat sich klauen lassen. handynummern muss ich mir erstmal wieder zusammen sammeln.

2.7.09 09:49

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