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Zugzwang oder: Maria hat verdammt viel Zeit heut

Hm… also irgendwie ist mein schlechtes Gewissen zwar schon da, dass ich eigentlich grad nur aus Zugzwang blogge (weil Lena und Jule ja echt konstant am bloggen sind – übrigens echt empfehlenswert), aber irgendwie auch nicht. Das klingt jetz egoistischer als es gemeint ist… ich hab einfach das Gefühl, nicht zu wissen, worüber ich bloggen soll… weil, eigentlich war mein Blog dazu gedacht, meine genialen Theorien in der Weltgeschichte zu verbreiten, aber irgendwie kommen hier da echt wenige bei rum, in diesem Land. Schwer zu erklären, aber ich fühl mich so zu Hause hier, und der Alltag ist so krass eingekehrt, dass ich das Gefühl hab immer nur zu bloggen, was ich gerade mache… und das ist jetz nicht so überspannend, find ich…… aber ich werde es trotzdem wieder tun, und derweil versuchen mich an die wenigen Theorien zu erinnern, die mir in letzter Zeit gekommen sind.

 

Also, was hab ich denn so getrieben in letzter Zeit?? Wie gesagt, der Alltag ist hier irgendwie eingekehrt… meine Standardwoche sieht folgendermaßen aus: Montag: Uni (zwei Veranstaltungen), danach chillen, ab und zu n bissel was für die Uni machen (hab dienstags Tutorium, da muss man schon mal was vorbereiten), abends n ruhigen… Laura und ich haben eingeführt, dass einmal die Woche ins Kino gegangen wird, weil momentan viele gute Filme draußen sind (letzte Woche gab’s „Seven Pounds“, heute geht’s zu „Slumdog Millionaire“, „Valkyrie“ schau ich mir noch an und dann gibt’s noch viel mehr da draußen)

Dienstag: morgens um 8 zur Uni, versuchen in Umweltrecht wach zu bleiben, dann Pause, dann Tut, dann Afrikaans, dann 2h frei, wo ich normalerweise mich an der Uni auf ne Wiese knalle, mir mein Workshop-Manual vornehme und den Workshop der Woche im Kopf durchplane… dann geht’s direkt danach ins Township zum Unterrichten. Das ist meistens ne sehr ambivalente Geschichte. Mein Partner, Javan, ist n Südafrikaner (aus Durban) indischen Ursprungs, dementsprechend unorganisiert, aber hat Erfahrung im Debattieren und somit sind wir n recht gutes Team.. manchmal geht er mir mit seiner hyperaktiven Art aufn Keks, aber generell passt des schon. Alle, die bei mir im Bus sind, sind Südafrikaner, und irgendwie bin ich die einzige, die halbwegs ruhig ist auf der Fahrt, weil ich die einzige bin, die ausm Fenster guckt. Das hat damit zu tun, dass die Townships in Cape Town echt unterschiedlich sind, und ich nun in einem der schlechteren unterrichte, wo halt keine festen Häuser sind, sondern schon einfach Wellblechhütten. Zieht mich jedes Mal runter, aber bereitet mich mental irgendwie aufs Unterrichten vor, und ich hab ja in Indien nun gelernt, dass man auch nichts mitnimmt, wenn man wegguckt…. Der Unterricht kommt mir grundsätzlich zu kurz vor, in 40 Minuten tauen die Kids gerade mal auf, am Ende haben wir immer extrem gute Debatten und Argumente (die sind ja so fürchterlich bodenständig und schlau für 14-18, es bricht einem das Herz zu wissen, dass der Großteil nie studieren wird, weil sie es sich einfach nicht leisten können).. ich hab sie echt gern, auch, wenn sie mir gegenüber natürlich immer noch vorsichtig sind, ne Weiße ist halt immer so ne Sache…

Danach hab ich alle 2 Wochen noch n Meeting mit der UN-Association Gruppe, bzw. ab sofort wird’s wohl auch mehr werden, weil ich es mal wieder geschafft hab mich großflächig für die UNO-Simulation einzusetzen, sodass es wohl auf ne eher zentrale Rolle hinauslaufen wird.

Dienstag abends fängt dann normalerweise die Partywoche an, d.h. wir gehen entweder in Obz einen trinken oder letzte Woche waren wir im „Tiger Tiger“, was eher so’n recht hipper Anlaufpunkt für die vollpubertäre Jugend ist, wo aber dienstags keine Kerle unter 20 reingelassen werden, sodass die Atmosphäre recht ok ist, mit nem riesigen Dancefloor und 6 Bars sich auch gut verteilt… so was in der Art…

Mittwoch hab ich nur Afrikaans um 11, was wahrscheinlich diese Woche dem Sandboarding zum Opfer fallen wird… Mittwoch abends hab ich dann immer 1.5h schweißtreibendes Training, was aber immer noch Riesenspaß macht (Krumping hab ich aufgegeben, aber jetz sind wir bei Reggaeton und im Allgemeinen fühlt es sich gut an, dass ich als einzige Weiße mithalten kann – ja, wir sind dann jetz schon 3, aber die andren beiden schauen, mit Verlaub, fürchterlich „weiß“ aus, wenn sie tanzen – und akzeptiert bin), und abends ist dann meistens „half-prize pizza“ im Obz Café angesagt, hinterher „2 for 1 Happy Hour“ im Stones (unsre lokale Billardbar), bis mir dann einfällt, dass ich für 6 Uhr aufstehen schon wieder zu betrunken bin und nach Hause gehe (ja, ich gehe langsam ab und zu allein nach Hause, hab die Schnauze voll vom abhängig sein; und das ist in Obz kein Problem, muss eh nur 5 Minuten laufen und bin nachm Training noch so im Gangster-Image drin, dass man mir eh von Weitem ansieht, dass man sich mit mir nicht anlegen sollte)…

Donnerstag früh dann wieder um 8 Uni, durchweg bis 2; danach fängt quasi mein Wochenende an, sprich ich chille am Pool, gefolgt vom Abendprogramm, was variiert von Stones über Corner Bar bis hin zu Clubbing…. Möglicherweise schleicht sich da jetz auch ne Tradition ein… letzten Donnerstag saß ich nämlich ganz unschuldig im Garten, da taucht Mick mit ner ganzen Horde Männer auf, ich kannte nur Andrew, Isaac und Chris, und dann noch 3 weitere, alle grad vom Fußballtraining zurück und dementsprechend ab in unsren Pool.. ich sag mal so, ist jetz schon nicht so schlecht, wenn sich 6 Männer im eigenen Garten entblößen und in den hauseigenen Pool springen, ich hatte gut was zu gucken….. hinterher sind wir dann zu einem von denen nach Hause, Jan – n Holländer -, und haben da n Braai veranstaltet. Das nette dran war, dass das mal ne ganz andre Truppe ist, die da auftauchte, weil das alles Leute sind, die hier Praktika machen (im Theater oder Häuser bauen im Township oder Refugee Center), d.h. alle n bissel bodenständiger drauf. War sehr nett, und soll anscheinend zur Donnerstagstradition gemacht werden, mit dennoch variierendem Programm, nur dass die Leute halt irgendwann mal in die Heia müssen, weil die Freitag arbeiten müssen. Find ich gut.

Freitag gestalte ich, wie mir ist, sei es Surfen, Segeln oder irgendwas andres…im Segeln hab ich mich bisher eher schlecht geschlagen, weil einmal der Baum einfach das Gefühl hatte sich verabschieden zu wollen (irgendwie ne scheiß Situation, so mitten aufm See, in einer Hand die Großschot, in der andren den Baum und versuchen, das Ruder halbwegs mit den Knien zu justieren&hellip und beim zweiten Mal bei meiner Wende der Wind mittendrin gedreht ist und ich plötzlich im Wind stand und das Boot nicht rumgekriegt hab und ins Schilf gedriftet bin… Ganz übel peinlich. Vorgestern hab ich aber eher gar nichts gemacht, weil wir geschlagene 40°C im Schatten hatten, ohne Wind, d.h. ich hab einfach nur am Pool gesessen und mich nicht bewegt.

Samstags ist dann meistens Segeln angesagt oder weiter chillen, abends Party, und Sonntag dasselbe, nur ohne Party.

Dieses Wochenende hab ich am Samstag mit Laura ne Shoppingtour durchgezogen, mir n Kleid zugelegt, Luftmatratzen und nen aufblasbaren Sessel für den Pool gekauft und dann beim Friseur 10cm Haare gelassen, was mal wieder nötig war und ziemlich gut ausschaut, vor allem sehr gut geschnitten (edler Salon) und nur 165 Rand (= rund 15 &euro bezahlt… gestern abend war Party und Stones angesagt und heute halt Kino..

Nja, und ab und zu mach ich auch was für die Uni, aber ich hab halt im Gegensatz zu allen andren das gleiche System wie in Dtl., sprich nur eine Klausur am Ende, die 100% zählt. Demnach nehm ichs momentan gelassen, diese Woche wird n bissel stressiger, weil ich innerhalb von einer Woche nen Paper im Rahmen von 2000 Wörtern runterreißen muss, irgendnen Fall kommentieren. Na, meckern haben wir Deutschen doch drauf, das wird n Klacks, endlich mal ne Entscheidung kritisieren zu dürfen, da freu ich mich schon fast drauf.

 

Joa….. ansonsten, was ist mir so aufgefallen?

  1. Mein Lieblingsthema: die Amis… klasse Sache, die Poolpartys von denen. Wie im American Pie Film: da besaufen sich alle bis zum Umfallen, und als ich nach 1,5h die Schnauze voll hatte und mich mit Max (nem Deutschen) und Justin verzogen hab, sprangen grad die ersten Mädels halbnackt in den Pool. Fazit: die Filme sind nicht überzogen, wie wir alle gehofft hätten: nein, die sind wirklich so!!! Seitdem hab ich keine große Lust mehr auf diese internationalen (amerikanischen) Partys, auf denen ich erstaunlicherweise trotz aller Bemühungen vollkommen nüchtern bin und mich eigentlich nur frage, was ich hier mache und ob ich fürchterlich langweilig geworden bin…

Abgesehen davon hab ich nach einigen Tagen leichter Depression/Frustration mich damit abgefunden, dass ich unter den (männlichen) Amis wohl eher wenige Freunde finden werde, die meine (zugegebenermaßen hohen) Erwartungen an ne Freundschaft erfüllen. Seitdem lebt sich das Leben zwar leichter, aber es führt leider auch dazu, dass ich wieder mal eher mein eigenes Ding mache und wieder viel Zeit allein verbringe… dafür komm ich mit Laura und Gabby um so besser klar, und mal sehen, vielleicht finde ich unter den Praktikanten n paar bodenständige Leute, bis dato schaut das ja recht gut aus…

 

  1. (meine bis dato einzige Theorie) Thema Sicherheitsgefühl: da rennen hier also alle Menschen mehr oder weniger sicherheitsparanoid rum – vor allem natürlich die Austauschstudenten, ich versuche mich davon n bissel zu distanzieren, sonst kann man dieses Land ja nicht genießen. Nun erklären mir alle Kapstädter, dass Obz ja so fürchterlich komisch sein soll… mit komisch meinen sie, glaub ich, alternativ. Denen erklär ich meistens, dass es mir gerade deshalb so gut gefällt, weil es n bissel wie n kleines Berlin ist… meistens füg ich hinzu, dass ich besonders gut finde, dass die Segregation hier nicht stattfindet. Und soweit ich das mitbekommen hab, ist Obz da so ziemlich das einzige Viertel in Cape Town. Was (kleine Untertheorie) übrigens erklärt, warum hier die meisten Ausländer leben. Weil nur die wirklich versuchen zu mischen und nicht nur unter sich (hautfarblich) zu leben, sondern irgendwie was gegen die Post-Apartheid zu tun… Jedenfalls meinen alle, es sei ja sooooo gefährlich. Was ich beileibe nicht unterschreiben würde, weil ich mich hier sicherer fühle als woanders, gerade weil es so gemischt ist. Nichtsdestotrotz muss ich zugeben, dass ich, wenn ich nachts unterwegs bin, grundsätzlich keine Angst hab, wenn ich nem Weißen begegne. Warum ist das so?? Während andrerseits n Bekannter von uns (n „Farbiger&ldquo neulich eingebuchtet wurde, weil er mit ner Weinflasche offen rumlief (das is hier, wie in den Staaten, verboten) und meine schwarzen Freunde der festen Überzeugung waren, dass das nen rassistischen Hintergrund hatte, weil der Polizist weiß war – und generell weißen Südafrikanern misstrauen (verständlich, wenn man sich mit nem weißen Südafrikaner unterhält, der einem klar machen will, dass das System unfairerweise Schwarze bevorzuge – ähnlich der generell indischen Oberschicht, die meckert über die Quotas für untouchables&hellip… Warum also trauen wir grundsätzlich unsrer eigenen „Rasse“ nicht zu, uns was Böses zu wollen??? Ich würde das mal lapidar auf biologische Hintergründe zurückführen, einfach, weil die eigene Spezies ja eigentlich kein Interesse dran hat einem was anzutun. (lassen wir die Nazis jetz mal raus, ich weiß, dass diese Theorie in der Hinsicht schwächelt) – möchte man meinen. Ich persönlich rede mir aber ein, dass das bei mir psychologisch aber eher den Hintergrund hat, dass ich weiß, dass n Schwarzer in diesem Land im Schnitt schlechter dran ist und demnach eher n Interesse dran hat mich zu beklauen. Das Durchschnittseinkommen eines Weißen hier ist ungefähr dreimal so hoch wie das der schwarzen Bestverdiener…. Demnach wird ein Weißer mit meinem Billighandy, das ich mir hier zugelegt hab, wohl eher wenig anfangen können, während auch schon wegen nem Paar Markenschuhen nen Auto aufgebrochen worden ist… Fazit: Wir sind dann doch alle Rassisten. Darauf läuft es wohl hinaus. Gerade deshalb bin ich froh, in Obz gelandet zu sein. Alle andren suburbs (ja, Obz wird als Vorort angesehen, obwohl ich es einfach mal mitten ins Zentrum von Cape Town einordnen würde, schließlich ziehen sich die Vororte von Cape Town theoretisch bis runter zum Indischen Ozean) sind Opfer der Segregation. Im Norden wohnen die wohlhabenden Farbigen, südlich von Obz wird’s (mit 1-2 Ausnahmen) immer weißer und reicher und im Osten sind die Townships, farbig wie schwarz… demnach: ja, ultimativ Glück gehabt, mein „Freundeskreis“ ist zwar zum Großteil weiß (naja, international halt), aber wir haben auch unsre schwarzen und farbigen Locals dabei und in Obz lernt man immer Leute kennen…..

 

Und ja, ich weiß, dass es komisch klingt, wenn ich diese Begriffe „schwarz, weiß und farbig“ benutze, ich hab mich auch selbst noch nicht richtig dran gewöhnt… in Englisch klingt das alles nicht so krass, auf Deutsch fühlt es sich für mich immer noch komisch an. Was sicher auch damit zu tun hat, dass ich nun langsam wirklich an dem Punkt bin, wo ich voll und ganz in Englisch denke, mich nur mit Deutschen abgebe, die mit mir Englisch sprechen und in Afrikaans echte Probleme mit der Satzstruktur habe, die wie die deutsche Satzstruktur ist, während ich in englischer Satzstruktur denke. Sprich, ich übersetze, wenn ich was in Afrikaans sagen will, vom Englischen ins Deutsche und dann ins Afrikaans… anstrengend. Komisch fühlt es sich trotzdem an, wenn ich mit den Deutschen Englisch rede, weil es einfacher ist, oder mit den Niederländern nur Englisch rede, obwohl wir theoretisch jeder in unsrer eigenen Sprache reden könnten und uns wahrscheinlich verstehen würden (vor allem, da ich festgestellt hab, dass durchs Afrikaans die Vokabeln kommen, die ich sonst nicht verstehen würde, weil sie mit Deutsch nichts zu tun haben, und ich demnach mehr vom Niederländischen verstehe). Aber Englisch ist halt so viel einfacher. Sprich, es wird fürchterlich werden, wenn ich wiederkomme. Aber das wussten wir ja schon vorher. Bulgarisch und Französisch hab ich nach hinten geschoben, spreche Afrikaans nur im Afrikaans-Unterricht (die UCT hat kaum Afrikaaners als Studenten, wenn, dann sprechen sie Englisch, Stellenbosch ist wohl mehr die Afrikaans-Uni, hab ich gehört) und bin immer noch nicht sicher, ob ich die drei Klicks in isiXhosa auseinander halten kann, bzw. übe immer noch an dem Klick im Wort !Xhosa… - fühle mich n bissel wie’n Ami, der im Grunde nur Englisch spricht… aber egal, ich will Muttersprachenniveau hier erreichen und bin aufm besten Weg, inclusive Umrechnung ins imperiale System, mit Foot, Inches, Miles und °F… auch, wenn SA gottseidank das metrische System verwendet.

 

So, was sonst noch?? Ich glaub, das wars schon… ich werde jetz mich hier ausm Café verziehen, weil mir der sehr gesprächsfreudige Kellner langsam aufn Keks geht und außerdem heut, glaub ich, schon wieder irgendein Fußball- oder Kricket- oder Rugbymatch im TV läuft und ich mich mit allen drei Sportarten (zwei davon langweilig, die letzte absolut lächerlich) und dem dazugehörigen überemotionalen männlichen Publikum einfach nicht anfreunden kann… dann doch lieber zuhause den das Argus Fahrradrennen angucken, die längste Etappe der Welt, die von irgendwo am Indischen Ozean am Tafelberg vorbei zum Atlantik führt (140km, glaub ich) und für das sie den halben Verkehr um Cape Town drumrum (nen ganzen Highway) über die M4 – was die ohnehin überfüllte Main Road ist, die u.a. auch durch Obz führt – umgeleitet haben… super. Bald findet hier der Two Oceans Marathon statt, da läuft das noch mal so…. quasi einmal ganz Cape Town lahm gelegt….

 

Also, Zusammenfassung: ja, mir geht’s gut hier, wie immer; ich überlege ernsthaft meinen Master, falls ich einen mache, hier zu machen…. Denn die Studiengebühren, die ich momentan hier zahle, zahlt man als richtiger internationaler Student hier anscheinend nicht pro Semester, sondern im Jahr, was weniger ist als an der Viadrina, und vor allem sind die Lebenskosten niedriger. Mal sehen… hat ja Zeit. Erstmal meine nächsten vier Monate genießen… :-)

 

Cheers!

 

 

 

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